Ästhetik Auschuss

PROJEKTE, DIE VERBINDEN

 

GRENZBANK

DAS FRÜHESTE ERLEBNIS DER KUNST MUSS IHR ERLEBNIS ALS MITTEL DER BESCHWÖRUNG, DER MAGIE GEWESEN SEIN; DIE KUNST WAR EIN INSTRUMENT DES RITUALS.

SUSAN SONTAG – GEGEN INTERPRETATION 1964

 

Die Grenzbank – ein kollektives Ritual

Die Grenzbank ist ein Kunstprojekt, das sich mit verschiedenen Aspekten des Zusammenlebens beschäftigt: mit Kommunikation und Veränderung, mit Konflikten und Unmut – und mit Ritualen. Rituale haben den Menschen seit jeher geholfen, Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft zu spüren.

Das Projekt lädt dazu ein, neue, auch absurde Rituale auszuprobieren und spielerisch zu erproben. So können Formen entstehen, die Beziehungen zwischen Menschen sichtbar machen, reflektieren und stärken. Die Grenzbank eröffnet einen Raum für Austausch, Begegnung und Verständnis. Sie zeigt, dass Wandel und Konflikte nicht nur Herausforderungen sind, sondern auch Chancen für gemeinsames Wachsen und kreative Lösungen.

Chor, Körper, Prozession

Zur Eröffnung am 16. August 2025 im Rahmen des Huebergass-Festes fand eine Aktion mit Prozession, Chor und Pyrotechnik statt. Die Chormitglieder*innen bewegten sich langsam durch die Gasse und in den Stadtpark, begleitet von scacciapensieri (Maultrommel) und kleinen Glocken. An der Grenzbank angekommen, sangen sie das Stück Ladadalada, das dadaistisch-verspielten Text mit einer mystischen Melodie verband.

Die Chormitglieder*innen trugen Augen und Münder auf ihren Köpfen – Symbole für die Vielschichtigkeit von Präsenz, daraus entstand ein kollektiver Körper in Bewegung. In der Prozession formte sich so ein gemeinsamer Rhythmus, geprägt von Stille und Spiel, von individuellen Unterschieden und geteilter Erfahrung.

Die Pyrotechnik wollte bei der Eröffnung nicht ganz gelingen: Der angekündigte Knall mit Konfettischuss flog davon, ohne seine „Erlösung“ zu finden. Die Spannung war gross – doch die Zündschnur war vom Regen zu nass.

ABER?

Was ist eigentlich ein Ritual – und ab wann wird es zur Regel?

Wie viel Spielraum braucht ein Ritual, um frei zu bleiben, Zugehörigkeit zu fördern, ohne in starren Vorgaben zu erstarren?

Was braucht eine Gemeinschaft – Regeln oder Rituale?

Wie lernen wir, Dissonanzen zu akzeptieren, miteinander zu spielen und uns zugleich zu harmonisieren?

Wie nehmen wir alle Formen von Präsenz wahr – auch die leisen, stillen, unscheinbaren Stimmen?

Lucia Baruelli, mit Kollektiv Ä / Ästhetik Ausschuss (Severin Zwahlen und Brian Mast)

Der Chor: Katrin Joho, Lenz Furrer sowie sechs weitere Mitwirkende, die anonym bleiben.

2025 KÄ/ÄA

Photos: https://davegerber.ch 

 

ANLEITUNG GRENZBANK

Dieser Text soll mit unterschiedlichen Stimmarten gelesen werden.

 

AB JETZT: 

(mit weicher Stimme)

Diese werden jeweils zu Beginn eines Absatzes vorgegeben. Eine intuitive, körperlichemotionale Haltung beim Lesen ist wärmstens empfohlen.

(mit emotionaler Stimme – z. B. freudig, wütend, traurig)

Wenn ihr das Bedürfnis verspürt, euch beim Lesen zu bewegen, seid ausdrücklich eingeladen, diesem Impuls zu folgen. Ihr seid frei, den Text allein oder gemeinsam mit anderen Menschen zu lesen – zum Beispiel mit eurer Wohngemeinschaft oder mit Nachbar:innen. Es besteht auch die Möglichkeit, ihn gemeinsam zu lesen und sich anschließend darüber auszutauschen.

(mit mysteriöser und zugleich überzeugender Stimme)

In der Gasse ist eine besondere Bank aufgetaucht – die sogenannte Grenzbank. Sie ist dafür gedacht, bei der Bearbeitung von Konflikten zu helfen.

(mit sachlicher Stimme)

Neben der Bank steht eine Eberesche (Sorbus aucuparia). Auch als Vogelbeere bekannt, hatte dieser Baum in der keltischen Kultur eine besonders starke symbolische Bedeutung. Er galt als heiliger Baum und wurde mit Schutz, Magie und dem Übergang zur Anderswelt in Verbindung gebracht. Die Eberesche wurde als Schutzbaum gegen böse Geister und dunkle Mächte verehrt; sie stand für Weisheit, Intuition und Inspiration. Ihre roten Beeren galten als Träger von

„Lebenskraft“. Wer eine Eberesche pflanzte oder schützte, galt als Person, die das Gleichgewicht zwischen den Welten wahrte. Die blutreinigende Wirkung der Heilpflanze passt sinnbildlich zu Konflikten – schliesslich heisst es nicht umsonst: Es herrscht böses Blut.

(mit singender Stimme)

Und vielleicht wissen nicht alle, dass sich nur ein paar wenige Meter von hier ein philosophischer, politischer und männlicher Mensch – gemäss der Annahme unseres historischen, soziologischen und gesellschaftlichen Wissens – namens Michail Aleksandrovič

Bakunin unter der Erde vom Leben erholt. Konflikt war für ihn nicht zu vermeiden – im Gegenteil: Er war Ausdruck von Lebendigkeit und Erneuerung.

(mit ernster, autoritativer Stimme)

Falls ein Konflikt auftreten sollte, soll in seinem Namen eines der folgenden Rituale ausgeführt werden – allein, zu zweit oder als Gruppe:

  • Bei der Bank soll das bekannte Lied „ladadalada“ gesungen werden. Der Text ist im Anhang,

die Melodie ist frei wählbar

  • Es soll auf der Bank übernachtet werden

  • Die Bank soll umarmt werden

  • Es soll Gymnastik mit der Bank gemacht werden

  • Menschen, die sich in einem Konflikt befinden, sollen sich an der Bank treffen und sich über Stunden hinweg immer wieder verabschieden – als wäre es jedes Mal das letzte Mal. Anschliessend sollen sie sich stundenlang begrüssen – immer wieder, als wäre es das erste Mal.

LIEDTEXT

 

LADADALADA

Ichwannelerebatti – makuschta avannilandi

Tebeledent tebelentde

Arandunasfogimagin narutimalinsan

Lalalaladadalada – Lalaladadala

immoni rimpari pirimpa  irrolamimbila

Isoldinaschuss relentoswikeneng

Aaaamantareeeehhh

Aaaamantareeeehhh

Ladadala – Ladadala 

Ladadalada – Ladadalada